Mit einer Auswahl populärer Projekte von bekannten Architektinnen diskutiert Jane Hall die Gleichstellung der Geschlechter und schärft den Blick für das sich wandelnde Bewusstsein der Frauen in der Architektur.

Wo sind die Architektinnen und was bauen sie? Eine Frage, die sich seit vielen Jahren immer wieder aufs Neue stellt. In Ihrem Buch „Breaking Ground – Architecture by Women“ greift Jane Hall einmal mehr auf das Thema zurück und widmet sich dabei den tieferen Gründen und Ursachen für die mangelnde Präsenz von Frauen in der Architektur.

Blick über den Tellerrand

Anhand einer Auswahl von über zweihundert Projekte populärer Architektinnen, wird unter Bezugnahme zum jeweiligen biographischen und historischen Kontext dargestellt mit welchen konkreten Problemen sich Frauen in der Baubranche tagtäglich konfrontiert sehen. Hierbei wird nicht nur der Arbeit der Pionierinnen, sondern auch der Beitrag der in Partnerschaften arbeitenden Frauen gebührt – wie Denise Scott Brown, Patty Hopkins und Lu Wenyu – deren Urheberschaft jeher dem männlichen Partner zugeschrieben wurde. Dazu gehören auch Frauen, welche die Lücke zwischen Theorie und Praxis schließen, wie die von McGill ausgebildete Amale Andraos, Mitbegründerin von WORKac und die Dekanin der Architekturschule in Columbia.

Postkoloniales Erbe

Vieles wurde bereits gesagt und dennoch findet sich in Halls Gedanken ein oftmals vernachlässigter Ansatz: Nur selten findet die Arbeit von Architektinnen in den sogenannten Schwellenländern Beachtung, ein Missstand, welcher von dem postkolonialen Gedankengut der modernen Industrienationen herrührt und einmal mehr das fehlende Bewusstsein für die historische Verantwortung gegenüber diesen Ländern aufzeigt: „Dieses Ungleichgewicht in der Repräsentation verstärkt die Vorstellung davon, dass die Akzeptanz von Frauen in der Architektur vom Standort und von einem kolonialen Erbe geprägt ist“, so Hall und Audrey Thomas-Hayes, beide vom Assemble Studio.

Abschied von Stereotypen

Das Buch reißt viele, dafür sehr kontroverse Gedanken an, ohne allzu sehr in ihnen zu verharren. Was fehlt, ist der Blick hinter die Kulissen, das tiefere Verständnis von Ursache und Wirkung. Das ist die Stärke und zugleich auch die Schwäche des Buches: Es ist ein Vorstoß und regt zum Nach- und Umdenken an. Darüber hinaus zerstreut es die Vorstellungen davon, dass Projekte von Frauen eine spezifische Ästhetik haben. Die präsentierten Projekte zeigen kein einheitliches Bild aus runden, weiblichen Formen – sondern sind von einer bezeichnenden Diversität, welche nur eines gemeinsam haben: Die Qualität.

Weiterführendes:

Breaking Ground: Architecture by Women
Verfasserin: Jane Hall
Sprache: Englisch
Herausgeber: Phaidon (2019)
ISBN: 0714879274

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